Montag, 7. Juli 2014

Über meine Liebe zu langen Röcken

Über meine Liebe zu langen Röcken

Meine Teenagerzeit fiel mitten in die zweite Hälfte der 60er - also genau in die Minirockzeit. Man trug kurz - oder Hosen. Bei der Minimode machte ich mit -  aus Opportunität, denn alternative Rocklängen gab es nicht. Liebe war es aber sicher nicht.

Das Foto zeigt mich in einem damals üblichen nur leicht ausgestellten Kleidchen. Die Taille betonte ich mit dem seinerzeit total angesagten Kettengürtel. Ich erinnere mich noch gut an die Farbkombination: Pinseltupfer in rosa, pink, cyclam, hellgelb, orange. Die Schuhe waren orange mit beiger Schleife.

Was mich jedoch wirklich begeisterte, war die Mode früherer Zeiten, die Mode der 30er bis 50er Jahre.

Der geheimnisvolle Schrank

In unserem Keller stand ein alter Kleiderschrank, zu dem zog es mich immer wieder hin. Wenn sich die Türen mit einem leisen Ächzen öffneten, mir der Geruch von Wollstoff in die Nase stieg, war ich schon voller Erwartungen, freute mich auf das Stöbern in diesem Schrank - immer wieder.
Darin hingen alte Anzüge aus schwerem Wollkammgarn, der Verlobungs- und der Hochzeitsanzug meines Vaters, auch der Trenchcoat aus seiner Verlobungszeit. Im Frühjahr und Sommer wurde in diesem Schrank auch die Herbst- und Winterbekleidung der Familie aufbewahrt. Und in der hintersten Ecke hing er, ein Traum von einem Mantel, mein Traum von einem Mantel.
Er war aus dunkelblauem, schwerem Wollstoff. Das Oberteil war anliegend schmal geschnitten, Reverskragen, dazu gerade, betonte Schultern. Das Rockteil war weit schwingend ausgestellt und endete einige Zentimeter über dem Knöchel. Die Taille wurde durch einen Stoffgürtel zusätzlich betont. Die Ärmel hatten Stulpen. Mir passte der Mantel wie angegossen. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, schlich ich in den Keller, holte diesen Mantel aus dem Schrank und probierte ihn an. Ich bewegte mich hin und her, um den Saum zum Schwingen zu bringen. Was war das für ein Tragegefühl, ganz anders als in den nur leicht antaillierten Minimäntelchen.
Nein, dieser Mantel war nicht dem New Look Diors nachempfunden, er war älter. Er stammte aus dem Jahr 1948 oder 1949 und gehörte meiner Mutter. Sie sparte ihn sich zusammen in der Zeit nach der Währungsreform, als das erste Bedürfnis, sich satt zu essen, befriedigt war und nun das sauer verdiente Geld in qualitativ gute Kleidung angelegt wurde. Es wundert nicht, dass meine Mutter sich in den 60ern von diesem Mantel nicht getrennt hatte. Er war ein Zeichen der Rückkehr in die Normalität, ein Zeichen für die Abkehr von improvisierter Kleidung aus aufgetrennten Zuckersäcken und Röcken aus Fallschirmseide, ein Symbol des Aufschwungs. Ich liebte diesen Mantel.

Bonnie and Clyde

Mit dem Film "Bonnie and Clyde", 1967 gedreht und 1968 vielfach für Auszeichnungen nominiert, kam endlich der Umbruch in der Mode. Der Film selbst ist nicht weiter der Rede wert, an den männlichen Hauptdarsteller konnte ich mich nicht einmal mehr erinnern, musste Wikipedia bemühen. Aber Faye
Dunaway als Bonnie war modisch gesehen eine Offenbarung. Schulterlanges blondes Haar unter einer Baskenmütze, wadenlange ausgestellte Röcke, schmale, taillenbetonte Pullis ... sie sah hinreißend aus. Wenn ich jemals in meinem Leben ein modisches Vorbild hatte, dann war sie es.
Die Rocklänge etwa 15 cm über dem Knöchel wurde Midilänge genannt, es wurde mein Look. Und meine Mutter ließ mich den blauen Mantel übernehmen.
Unsere Klassenfahrt ging ins Elsass und von dort brachte ich mir zwei Baskenmützen mit, in dunkelblau und in schwarz.
Im Handarbeitsunterricht hatte ich gelernt, Röcke zu nähen. Es war also klar, dass die Nähmaschine so lang nicht still stand, bis ich mir midilange Glockenröcke aus Tweed und Wollstoff genäht hatte.

Für Sie brachte den Look

Eigentlich war ich während meiner Teenagerzeit regelmäßige Leserin der "Christine". (Warum Christine und ich schon lange keine Freundinnen mehr sind, habe ich an anderer Stelle erzählt.) Diesmal aber war es Für Sie, die über diesen Look schneller und umfassender berichtete und damit meine Stilvorstellungen traf. Im August erschien ein besonders umfangreiches Heft, das über viele Seiten die Mode für Herbst und Winter vorstellte. Da waren sie, die Mäntel, Kleider, Röcke - alles drehte sich um die Midilänge.
Unsere Clique war im Freibad und ich genoss die Sonne auf meiner Haut, blätterte im Heft und träumte davon, wie meine Garderobe von nun an aussehen würde. Im Kopf war meine Garderobe komplett durchgeplant. Alles sah ich vor meinem inneren Auge und Basis war der blaue Mantel.
Da ich in den Sommerferien gejobbt hatte, konnte ich mir zudem noch einen Midimantel in Fischgratmuster kaufen, tailliert, doppelreihig geknöpft mit großem Revers. Und schwarze Spangenpumps in Lackleder. Mein persönlicher neuer Look war recht schnell umgesetzt. Teils gekauft, vieles aber auch selbst genäht oder selbst gestrickt - entzückende kurze Pullis mit schmaler Taille und kleinem Gürtelchen.

Tschüss Minis!!!


In späteren Jahren waren alle Rocklängen möglich. Meine bevorzugte Länge lag zwischen knieumspielend und den besagten 15 cm über Knöchel. Dem Mini habe ich nie nachgetrauert.
Meine Liebe zum Look der 30er bis 50er Jahre aber ist nie ganz erloschen.

Seidenzweiteiler im Stil der 30er

Dieser Seidenzweiteiler z. B. erinnert mich sehr an diese Zeit. Stilecht dazu ist die Tasche, ein Original aus den 50ern. An diesem Outfit mag ich den diagonal geschnittenen Rock besonders. Er schmiegt sich der Figur an, gibt aber der Bewegung eine besondere Dynamik, weil der zarte Stoff hinterher schwebt. Ein Kleid, das ich übrigens durchaus bürotauglich fand.




Ich finde, dass der kleine Fascinator gut zum Look passt.





Ein genauerer Blick auf den Seidenstoff: Schmetterlinge.
Die Knopfleisten haben noch eine Rüschenkante.


Der Zweiteiler ist einige Jahre alt und stammt von Peter Hahn.

1 Kommentar:

  1. Ein wunderschöner Text - sehr persönlich - ein Statement für deine textile Liebe. Ich habe ihn sehr, sehr gerne gelesen.

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