Freitag, 18. Juli 2014

Von alten Schätzen, Altlasten und meinem Doppelleben

Alte Schätze oder Altlast?

 

Beim Stöbern in den Modeblogs stoße ich immer wieder auf Frauen, die mit Begeisterung nähen. Einige sind Meisterinnen darin, sich eine ganz persönliche Garderobe selbst zu erstellen, die die gängige Mode der Internetshops und angesagten Läden tief in den Schatten stellt, sowohl im Design als auch in der Qualität des Materials sowie der handwerklichen Ausführung. Diese Frauen haben meinen größten Respekt und meine Bewunderung. Meist besitzen diese Näherinnen (und Strickerinnen) einen beachtlichen Vorrat an Stoffen (und Garnen).
Auch ich bin Besitzerin eines Stoffvorrats. Und ich frage mich, ob es sich dabei um alte Schätze handelt oder doch eher um Altlasten.
Ein nennenswerter Teil meines Stoffvorrats ist 20 und mehr Jahre alt, ebenso mein nicht ganz so riesiger Vorrat an Garnen.

Wie kam es zu diesem Vorrat?


Nun, in den späten 70ern und frühen 80ern schwappte eine riesige Strickwelle über uns hinweg. Überall wurde gestrickt: in Bussen und Bahnen, im Wartezimmer der Ärzte, natürlich auch vor den heimischen Fernsehern und selbst in den Hörsälen der Hochschulen. Professoren waren ob ihrer strickenden Studentinnen irritiert, gleichwohl würde ihnen jede strickende Studentin erklären, dass Stricken nichts (oder wenig) mit Denken zu tun hat sondern rein mechanisch über das Kleinhirn läuft – mehr oder weniger.
Ich strickte, seit ich es in den 60ern im Handarbeitsunterricht der Schule gelernt hatte, recht gern.
(An der Uni blieb das Strickzeug jedoch zu Hause, aus Respekt und Höflichkeit gegenüber den Profs.) Ein Paket Wolle für einen Pulli war oft ein beliebtes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk. Einige dieser Wollpakete bilden heute noch meinen Garnvorrat. Bevor ich mit dem Stricken aufhörte, war das damalige Modegarn übrigens eine flauschige Mohair/Synthetik-Mischung, das gern für Lochmuster verwendet wurde oder mit Bändchen- und anderen Garnen als Materialmix genutzt wurde.

Mein Stoffvorrat hat eine andere Geschichte.
Meine „große“ Zeit des Nähens fand im Teenageralter statt – Stichwort Midimode. Jugend glaubt viel zu wissen und zu können. So war es auch bei mir. In der Schule hatten wir gelernt Röcke zu nähen und zwar von der Schnittkontruktion bis zur Ausführung. Da meine Röcke gelungen waren, war ich der Überzeugung, nähen zu können. Also machte ich mich gleich ans Nähen von Kleidern. Mein erstes selbst genähtes Kleid war eines mit Wiener Nähten, Raglanärmeln und Nahttaschen – mein „Stewardessenkleid“ aus d'blauem Wollstoff. Die Anfertigung war kein Problem. Lag es daran, dass ich als junger, schlanker Mensch ohne weiteres in Standardgrößen passte? Oder war ich anspruchslos was die Passform anbelangt? Ich weiß es nicht und erinnere mich auch nicht mehr, ich weiß aber sicher, dass ich nie ein Probekleid genäht habe.
Nach Ende der Schulzeit hatte ich eigentlich keine Zeit mehr zum Nähen. Es entstand noch der ein oder andere Glockenrock, das war's dann aber auch schon.

Über mein Doppelleben

 

Mein Stoffvorrat ist auf mein Doppelleben zurückzuführen.
Während man bis Anfang der 80er noch im Kleid oder im Rock arbeiten gehen konnte – sogar als Fach- oder Führungskraft, änderte sich das spätestens ab Mitte der 80er. Jeder/jede, der/die hoffte, im Betrieb „Karriere“ machen zu können, erschien in Anzug oder im Kostüm. Grauenhaft!

Da ich beruflich bereits in einer Führungsposition war, blieb mir nichts anderes übrig, also mich weiterhin auch optisch abzusetzen, also „musste“ ich ebenfalls Kostüm tragen, aber eben einen Tick besser als die Mitarbeiter. Ich betrachtete es als „Kostümzwang“.
Mein Look in der Freizeit waren jedoch weiterhin schöne Kleider und ausgestellte oder glockige Röcke. War das Oberteil etwas ausgefallen, dann war der Rock eher schlicht gehalten, bei extravaganten Röcken war dann der Pulli eher einfach. In meiner Freizeit trug ich kaum Blusen, die gehörten für mich zum Business-Look. Modisch gesehen führte ich ein Doppelleben. Es wäre mir nie eingefallen, in meiner Freizeit Kostüm zu tragen.
In dieser Zeit war ich Workaholic. Ich arbeitete lang und viel. Zeit zum Shoppen gönnte ich mir selten. Kleidung kaufte ich entweder in Häusern für hochwertige Mode oder bestellte bei Peter Hahn.
Aber dann und wann brach ich aus, zog in die Stoffabteilungen der Kaufhäuser. Wenn ich dort schöne Stoffe anfühlte, dann träumte ich davon, aus diesen Stoffen schöne Röcke oder Kleider zu besitzen und diese zu tragen – in meiner Freizeit (von der ich leider sehr wenig hatte). Ja, ich setzte Stoff gleich mit Freizeit, mit Individualität und Selbstgestaltung, mit Freiheit. Stoff, aus dem die Träume sind.
Wann ich jemals dazu kommen würde, daraus wirklich Kleidung zu nähen, diesen Gedanken verdrängte ich.
Einmal ließ ich mir aus einem hellen Wollstoff ein Kleid von einer Schneidermeisterin anfertigen. Das Kleid war gelungen. Die Schneiderin wechselte jedoch irgend wann den Beruf. Andere Versuche mit Schneiderinnen schlugen fehl. Wenn ich daran denke, dass ich einen Seidenstoff in die Tonne getreten habe, weil sich ein Änderungsschneider vergeblich daran versucht hatte, dann ärgere ich mich heute noch. Schade, in den 80ern war es bereits schwierig überhaupt noch Schneiderinnen zu finden.
Nun „sitze“ ich also auf einen Stoffberg und neige dazu, diese alten Schätze  als Altlast zu betrachten - jedenfalls manchmal. Ob ich es noch schaffen werde, das Stofflager wegzunähen? Immerhin werde ich älter und meine Augen lassen nach.

Über meine letzten Nähversuche habe ich bereits geschrieben. Aus „hochfliegenden“, nein, eher realistischen Kleiderplänen wurden am Ende doch nur einfache Röcke.

So sahen - soweit ich mich erinnere - einmal meine Pläne aus:

 Aus diesem Synthetik-Georgette in aufeinander abgestimmten blaugrau Tönen hätte ich mir gern diesen Rock genäht. 
















Die Stoffe waren für diesen Rock aus Burda Mode für Vollschlanke 2/93 bestimmt:

Ob ich es jetzt endlich umsetze?


Oder vielleicht doch eher dieses Modell?









Schaun wir mal ...

1 Kommentar:

  1. Das war ein wirklich Interessanter Beitrag! Habe ihn gerne gelesen :)

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